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Beratungsstelle TABU will über Genitalbeschneidung aufklären und sensibilisieren

Kiel. Alle elf Sekunden wird ein Mädchen rituell beschnitten. Schätzungsweise 200 Millionen Frauen sind von Genitalverstümmelung betroffen. In Deutschland sind rund das 70.000 Frauen, laut Statistik von Terre des Femmes, – in Schleswig-Holstein knapp 2.000. „Das sind Vermutungen, genau wissen wir es nicht, aber wir wissen, dass es viele Frauen gibt die unter den Folgen von Beschneidung leiden“, sagt Renate Sticke. Die Diplom-Sozialpädagogin muss es wissen, denn sie leitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Mukrima Hasso, die Beratungsstelle TABU, deren Schwerpunkt „Female Genital Mutilation/Cutting“ (FGM/C) ist.

Die Beratungsstelle TABU – Anlaufstelle Gesundheit, Frauen, Familie mit dem Schwerpunkt FGM/C, der Diakonie Altholstein, möchte aufklären und sensibilisieren. Im August 2019 startete das Projekt. „Wir haben seitdem zwischen 30 und 40 Klientinnen zu verschiedenen Themen beraten“, sagt Renate Sticke. Die Frauen kommen mit unterschiedlichen Anliegen. „Fragen zur Vorsorge und zum deutschen Gesundheitssystem kommen immer wieder“, berichtet sie. Ob die Frauen beschnitten sind, erfahren die Beraterinnen meistens erst nach mehreren Terminen. „Es ist ein sehr sensibles Thema, deshalb lassen wir den Klientinnen Zeit“, erklärt Renate Sticke. Oftmals kämen die Frauen in die Räume in der Johannesstraße, weil sie Probleme mit der Blase oder den Nieren hätten. „Nach und nach kommt dann heraus, woher die Probleme stammen.“ Neben der offenen Beratung gibt es auch verschieden Gruppenangebote.

Rana aus dem Jemen besucht regelmäßig die Beratungsstelle. „Ich bekomme immer Antworten auf meine Fragen und viele Erklärungen. Wenn ich weiß, dass andere Frauen auch Probleme haben, dann bringe ich sie mit“, erzählt die 34-Jährige. So fand auch Ahlamm aus Somalia den Weg in die Johannesstraße. Sie ist erst seit einem Jahr in Deutschland und fühlte sich sehr alleine bei vielen Fragen. „Hier kann ich über meine Gefühle sprechen und Fragen loswerden. Ich bin sehr dankbar, dass Rana mir von der Beratungsstelle erzählt hat“, sagt Ahlamm.

Vertrauen steht im Mittelpunkt

Renate Sticke und Mukrima Hasso, die als Projektassistenz und Sprachmittlerin fungiert, freuen sich über diese Aussagen. „Genau das wollen wir erreichen, dass die Frauen uns weiterempfehlen“, sagt Renate Sticke. Viele Kontakte konnten sie schon in der Gemeinschaftsunterkunft (GU) Wik knüpfen, wo sie seit 2016 arbeiten. Ihre Schwerpunkte waren unter anderem die Frühe Hilfen mit der Betreuung von Schwangeren. So lernte auch Amal aus dem Irak die beiden kennen. „Sie waren die ersten Gesichter in der GU Wik und ich vertraue ihnen“, sagt die 42-Jährige. Vertrauen ist sehr wichtig bei diesem sensiblen Thema. „Wir gehen mit den Frauen den Weg gemeinsam und drängen sie zu gar nichts. Viele wollen nur eine allgemeine Beratung, einige informieren sich aber auch über eine Öffnung und Rekonstruktion“, berichtet die Diplom-Sozialpädagogin. Auch informieren sie und Mukrima Hasso über mögliche Folgen von Beschneidung. Ahlamm, die alleine aus Somalia geflohen ist, weil sie dort nicht mehr arbeiten durfte und frei sein möchte, spricht nun auch mit ihrer Familie über das Thema. „Ich habe zwei Töchter dort und möchte nicht, dass ihnen das angetan wird“, sagt sie. In Somalia sind 98 Prozent der Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. Die Beschneidung findet zwischen dem siebten uns zehnten Lebensjahr statt. Ahlamms Töchter sind bereits neun und zwölf Jahre alt. Sie möchte die beiden gerne nach Deutschland holen, damit sie in Sicherheit sind. „Familiennachzug ist leider nicht so einfach“, sagt Sticke.

Warum werden Frauen überhaupt beschnitten? Auf diese Fragen haben die Beraterinnen mehrere Antworten. „Es ist zum einen ein Schönheitsideal. Viele Männer kennen Frauen nur beschnitten. Es kann aber auch ein Schutz vor Vergewaltigungen sein. Außerdem werden Länder, in denen es Beschneidungen gibt von Männern dominiert. Ihrer Ansicht nach sind Frauen, die beschnitten sind treu und etwas wert. Wer nicht beschnitten ist, ist in deren Kultur oftmals wertlos“, berichtet Renate Sticke. Die Frauen in der Beratungsstelle sind sich einig, dass Aufklärung und Bildung etwas ändern könnte. „Der Staat muss es unter Strafe stellen“, sagt Rana. Aktuell ist es so, dass jeder weiß, wer beschnitten wird. „Die Beschneiderin kommt in den Ort und dann werden alle Mädchen in einem bestimmten Alter beschnitten“, berichtet die junge Jemenitin. Was in der westlichen Welt für Empörung sorgen würde, ist dort normal. Über negative Folgen denkt dort niemand nach. Laut Schätzungen stirbt in Somalia jede vierte Frau bzw. Mädchen durch Komplikationen bei der Entfernung oder in Folge der Beschneidung beispielsweise bei der Geburt, denn einen hygienischen Standard wie in Deutschland gibt es dort nicht. „Es wird dann gesagt, dass Gott es gewollt hat“, berichtet Ahlamm.

Gesundheitliche Folgen

Die Folgen von FGM/C sind Komplikationen der Harnwege, durch Narbenbildung, bei der Sexualität und Menstruation sowie bei der Schwangerschaft und der Geburt. Aber auch die Seele der Mädchen und Frauen leidet. „Sie leiden unter vielfältigen psychischen Symptomen, wie dem Gefühl von Unvollständigkeit und Minderwertigkeit. Dazu kommen Angst, Depressionen und chronische Reizbarkeit“, berichtet Mukrima Hasso. Ein weiteres Problem ist, dass die Betroffenen keine Möglichkeit haben, über ihre Gefühle und Ängste zu reden. „Wir wollen den Frauen und Mädchen hier einen sicheren Rückzugsort und eine Anlaufstelle bieten, damit sie über ihre Probleme sprechen können“, sagt Vanessa Trampe-Kieslich, Geschäftsbereichsleiterin Soziale Hilfen bei der Diakonie Altholstein.

Die Anlaufstelle TABU ist die einzig offizielle Beratungsstelle in Schleswig-Holstein. „Aktuell bekommen wir keine öffentlichen Mittel, langfristig ist es aber unser Wunsch. Finanziert wird das Projekt aktuell durch Gelder von Aktion Mensch und der Diakonie Schleswig-Holstein Stiftung“, berichtet Vanessa Trampe-Kieslich. Durch die zunehmende Migration wird die Aufklärung über FGM/C immer wichtiger. Auch merken die Beraterinnen, dass Anfragen aus dem ganzen Land kommen. „Die Genitalverstümmelung stellt eine Verletzung des Menschenrechtes auf körperliche Unversehrtheit dar. Hier ein Zeichen zu setzen und einerseits betroffenen Frauen und Mädchen zu stärken und zu schützen, andererseits aber auch die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, ist uns ein wesentliches Anliegen“, erklärt Vanessa Trampe-Kieslich. Laut Schätzung von Terre des Femmes sind in Schleswig-Holstein 450 Mädchen von Beschneidung gefährdet.

TABU – Anlaufstelle Gesundheit, Frauen, Familie mit Schwerpunkt FGM/C an der Johannesstraße 45 bietet dienstags von 13 bis 14 Uhr und donnerstags von 9 bis 10 Uhr eine offene Beratung an. Gruppenangebote gibt es dienstags von 14 bis 15.30 und donnerstags von 10 bis 11.30 Uhr. Weitere Infos gibt es per E-Mail unter tabu@diakonie-altholstein.de oder telefonisch unter 0431/26093119.

Foto: Renate Sticke (zweite von links) und Mukrima Hasso (rechts) im Gespräch mit Frauen.

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