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Wenn die Seele leidet: Immer mehr Familien in Neumünster suchen Hilfe und Unterstützung

(Neumünster, 8. Oktober 2026) Seit 51 Jahren unterstützt das Beratungszentrum Mittelholstein Familien und verzeichnet einen wachsenden Bedarf an traumasensibler Beratung

Vernachlässigung und psychische Gewalt gegen Kinder sind kein Randphänomen mehr: Bundesweit haben die Jugendämter 2025 bei rund 79.800 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt – ein neuer Höchststand, zehn Prozent mehr als im Vorjahr und mehr als doppelt so viele wie 2012, wie das Statistische Bundesamt Mitte August 2026 mitteilte. Auch in Schleswig-Holstein registrierten die Jugendämter zuletzt 2.721 Fälle; in fast zwei Drittel davon (63 Prozent) ging es um Vernachlässigung, in 38 Prozent um psychische Misshandlung, wie das Statistikamt Nord ausweist. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in Neumünster: Das Beratungszentrum Mittelholstein (BZM) der Diakonie Altholstein verzeichnet seit Jahren einen wachsenden Zulauf.

Das 51-jähriges Bestehen des BZM nahm die Diakonie Altholstein heute zum Anlass, die Arbeit der Beratungsstelle mit einer Jubiläumsfeier zu würdigen und zugleich den Blick auf eine besonders drängende fachliche Herausforderung zu richten. Im Mittelpunkt stand der Umgang mit Vernachlässigung und psychischer Gewalt sowie die Frage, wie betroffene Kinder, Jugendliche und Familien traumasensibel begleitet werden können. 

Trennungen, psychische Erkrankungen, wirtschaftlicher Druck und soziale Unsicherheit belasten Kinder, Jugendliche und Eltern gleichermaßen – und diese Belastungen nehmen spürbar zu. Seit seiner Gründung 1975 ist das BZM für betroffene Familien ein verlässlicher Anker in Neumünster. Dabei vereint es zahlreiche Angebote unter einem Dach. Dazu gehören neben der Erziehungs-, Familien- und Jugendberatung, die Fachberatung Kinderschutz, die Paar- und Lebensberatung, Gruppenangebote für Kinder und Eltern aus Trennungsfamilien, eine Trauma-Ambulanz ebenso wie eine Psychosoziale Anlaufstelle für Menschen, die Flucht oder Migration erlebt haben. Das BZM zeichnet sich durch eine hohe fachliche Kompetenz mit einem interdisziplinären Ansatz aus. Viele Jahre wurde das Beratungszentrum von Gundula Deicke geleitet, heute liegt die Verantwortung bei Anja Spingler.

„51 Jahre BZM stehen für Kontinuität und Wandel zugleich. Wir haben unser Angebot immer wieder an die Bedürfnisse der Familien in Neumünster angepasst, ohne dabei den Grundgedanken von 1975, niedrigschwellig und unbürokratisch zu helfen, aus unserem Fokus zu verlieren. So legen wir beispielsweise großen Wert darauf, die Finanzierung der Paar- und Lebensberatung trotz rückläufiger Kirchenmittel aufgrund des hohen Bedarfs bei unseren Klient*innen auch weiterhin zu sichern“, sagt Gesa Kitschke, Geschäftsführerin der Diakonie Altholstein und ergänzt: „Angesichts der zuvor genannten Entwicklung ist die Arbeit des BZM wichtiger denn je und wir haben den fachlichen Schwerpunkt des heutigen Tages bewusst auf den Umgang mit Vernachlässigung und psychischer Gewalt gelegt."

Vernachlässigung und psychische Gewalt hinterlassen bei Kindern und Jugendlichen oft Spuren, die nicht sofort sichtbar sind. Das BZM beobachtet seit Jahren eine steigende Zahl an Anfragen: 2025 wurden 775 Familien, Kinder, Jugendliche und Erwachsene beraten. Zum Stichtag 31. März 2026 warteten 63 Menschen ohne Terminangebot auf ein Erstgespräch, die Wartezeit liegt derzeit bei drei bis neun Monaten. Häufigste Beratungsanlässe sind familiäre Konflikte, Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen sowie psychische Erkrankungen der Eltern. Auffällig ist zudem ein Anstieg psychischer Diagnosen wie Depressionen, Borderline-Störungen, Essstörungen oder ADHS bei Eltern und Kindern, häufig verbunden mit traumatischen Erlebnissen.

„Die Zahlen zeigen, wie groß der psychische Druck auf Familien in Neumünster ist. Kinder in Trennungskonflikten, Eltern mit psychischen Erkrankungen, junge Menschen in Krisen, sie alle brauchen schnelle, niedrigschwellige Hilfe. Wichtig ist dabei vor allem, Vernachlässigung und psychische Gewalt frühzeitig zu erkennen und betroffenen Familien traumasensibel zu begegnen", sagt Anja Spingler, Teamleiterin des BZM.

Im Mittelpunkt des fachlichen Teils der Jubiläumsfeier stand der Vortrag von Dr. Andreas Krüger, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. Unter dem Titel „Auswirkungen von Vernachlässigung und psychischer Gewalt in der Beratung erkennen und traumasensibel begegnen“ gab er Einblicke in die Folgen solcher Erfahrungen und den traumasensiblen Umgang mit betroffenen Kindern und Jugendlichen.

Möglich wird die frühzeitige Versorgung von Familien in Neumünster auch durch ein enges Netzwerk: Das BZM arbeitet eng mit der Stadt Neumünster, dem Land Schleswig-Holstein, dem Kinderschutzbund Neumünster, dem FEK, der JVA sowie der evangelischen Familienbildungsstätte Neumünster zusammen und ist auch mit den Diakonie-eigenen Angeboten Familienkompass und Familienzentrum Anschar vernetzt. So werden Hilfe und Unterstützung Hand in Hand organisiert, damit Familien bestmöglich und frühzeitig versorgt werden können.

„Themen wie Vernachlässigung und psychische Gewalt gehen uns alle an. Das Beratungszentrum Mittelholstein ist seit Jahrzehnten eine verlässliche Stütze für Familien in unserer Stadt, und diese Arbeit wird angesichts der aktuellen Zahlen nicht weniger wichtig", so Tobias Bergmann, Oberbürgermeister der Stadt Neumünster.

 

Über das Beratungszentrum Mittelholstein

Das BZM der Diakonie Altholstein ist die zentrale Anlaufstelle für Erziehungs-, Familien- und Jugendberatung in Neumünster. Es berät Familien, Paare, Kinder und Jugendliche kostenfrei und niedrigschwellig bei Erziehungsfragen, Trennung und Umgang, psychischen Belastungen sowie Kinderschutzfragen, ergänzt durch spezielle Gruppenangebote für Eltern und Kinder.

Am Alten Kirchhof 12 · 24534 Neumünster · Telefon 04321 25051280 · E-Mail bzm(at)diakonie-altholstein.de


Von der Basisinitiative zum festen Anker: 51 Jahre Beratungszentrum Mittelholstein

1975: Am 25. Februar wird das Beratungszentrum Mittelholstein (BZM) gegründet. Mitarbeitende verschiedener Träger schließen sich zusammen, um Familien in und um Neumünster ein niedrigschwelliges und unbürokratisches Beratungsangebot zu machen. Getragen wird das BZM von einem Verbund aus der Stadt Neumünster, der evangelischen und der katholischen Kirche sowie dem Land Schleswig-Holstein als Träger des Schulpsychologischen Dienstes. Unter einem Dach vereint es die Erziehungs- und Familienberatung, die Paar- und Lebensberatung sowie den Schulpsychologischen Dienst.

1.1.2000: Mit der Gründung des Diakonischen Werks Kirchenkreis Neumünster gGmbH werden die Mitarbeiter*innen der Erziehungsberatung (städtisch finanziert) und der Paar- und Lebensberatung (evangelisch-kirchlich finanziert) Mitarbeitende der Diakonie. Der Schulpsychologische Dienst gehört weiterhin zum BZM, die Mitarbeiter*innen sind jedoch beim Land angestellt. Die katholische Kirche gehört dem Verbund nicht mehr an. 

Seit 2009 gehört das BZM zur Diakonischen Werk Altholstein GmbH, die aus der Diakonisches Werk Kirchenkreis Neumünster gGmbH, der Pflegediakonie Neumünster und der Pflegediakonie Kiel nach einer Kirchenkreisfusion hervorging.

Ab den 2000er-Jahren: Das BZM baut Gruppenangebote für Trennungskinder und getrennt lebende Eltern auf.

2004: Das BZM erhält als erste Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Schleswig-Holstein das Gütesiegel des bke.

2007: Der Schulpsychologische Dienst scheidet aus dem Beratungszentrum aus.

2012: Die Elterngruppe „Familien in TAKT“ (FiT) startet.

2016: Die Psychosoziale Anlaufstelle (PSA) Flucht und Migration nimmt ihre Arbeit auf.

2017: Die Familienberatung in der Justizvollzugsanstalt Neumünster ergänzt das Angebot.

2019/2020: Das BZM führt das Projekt „Traumasensible aufsuchende Familienhilfe“ durch.

2023: In Kooperation mit dem FEK entsteht eine Traumaambulanz. Außerdem kommt das Angebot „Ankerlicht“ für Kinder und Jugendliche hinzu, die häusliche Gewalt erlebt haben.

März 2026: Anja Spingler, Diplomtheologin und Sozialpädagogin, übernimmt die Leitung des Teams.

Finanzierung heute: Das BZM wird aus mehreren Quellen finanziert. Die Stadt Neumünster trägt die Erziehungs-, Familien- und Jugendberatung sowie die Fachberatung Kinderschutz. Die Angebote Ankerlicht, Familienberatung in der JVA und die Trauma-Ambulanz werden vom Land Schleswig-Holstein finanziert. Die Paar- und Lebensberatung trägt die Diakonie Altholstein aus Eigenmitteln.